Der Skandal der Kirchenspaltung …

Kardinal Kasper: Kirchenspaltung „Skandal“

Der emeritierte deutsche römisch-katholische Kurienkardinal Walter Kasper hat am Dienstag die anhaltende Spaltung der christlichen Kirche als „Skandal“ bezeichnet.

Angesichts der Krisen auf der Welt brauche es dringend weitere Schritte zur Einheit, sagte er beim Weltfriedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio im deutschen Münster. Es gebe heute keine wesentlichen Differenzen mehr zwischen katholischen und evangelischen Christen. Die wahren Unterschiede lägen zwischen denen, die glauben, und denen, die nicht glauben oder einer anderen Religion angehören.

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Dem letzten Satz im obigen Zitat von Kardinal Kasper kann ich schon zustimmen … und es gibt viele Katholiken und auch Bewegungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche, mit denen ich als evangelikaler Christ mehr Gemeinschaft haben kann, als mit manchen in meinem eigenen “Lager”.

Ich bin auch in einer Initiative hier in Österreich aktiv, in der Gläubige aus den verschiedensten christlichen “Lagern” in einer “Herzensökumene” und “versöhnten Verschiedenheit” zusammenarbeiten, und kann bezeugen, daß das gut funktionieren kann und sehr segensreich ist,  aber leider ignorieren Kardinal Kasper, und der später in dem Artikel zitierte Bischof der deutschen, evangelischen “Nordkirche”, Gerhard Ulrich, die Tatsache, daß es heute in allen Kirchen zunehmend auch Strömungen und Bewegungen gibt, die dieser Einheit entgegenwirken — jeweils ohne, daß die zuständigen Kirchenleitungen viel dagegen unternehmen würden.

In den evangelischen Kirchen in Deutschland und Österreich gibt es Theologen und Pastoren, welche die Sünde und damit die Notwendigkeit der Erlösung des einzelnen Menschen in Frage stellen, indem sie Sünde mehr als kollektive, system-immanente Realität sehen, die sich durch Bewußtseinsänderung und sozialen Aktivismus beseitigen oder korrigieren läßt; in logischer Folge dessen gibt es sogar manche, die die traditionelle Lehre von Christi stellvertretendem Tod am Kreuz als “Kindesmißhandlung von kosmischer Dimension” bezeichnen.

In praktisch allen protestantischen Kirchen der westlichen Welt greift ein Revisionismus um sich, der das traditionelle christliche Verständnis von Sexualität, Geschlechtlichkeit und Ehe aufgibt und sich zunehmend den zeitgeistigen Mode-Erscheinungen im Gefolge der sexuellen Revolution anbiedert. Selbst evangelikale Freikirchen sind nicht immun gegen diese Tendenz.

Die Volkskirchen sind überhaupt ein Problem, dort wo sie Kinder taufen, und dann davon ausgehen, daß diese automatisch zu “Christen” heranwachsen. Deshalb haben wir eine große Zahl von Menschen in unseren “christlichen” Ländern, die zwar im Besitz eines Taufscheins sind, und wenn’s sein muß, unter Murren sogar Kirchensteuer zahlen, aber höchst selten das Innere eines Kirchengebäudes zu Gesicht bekommen oder eine Bibel aufschlagen. Erneuerungsbewegungen in den Volkskirchen sind da ein Lichtblick, sind aber zahlenmäßig im Vergleich zur Gesamtzahl der Kirchenmitglieder verschwindend klein.

Zum Thema Abendmahlsgemeinschaft: Die römisch-katholische Kirche verweigert die Mahlgemeinschaft mit Protestanten unter anderem deswegen, weil diese das römisch-katholische Verständnis der Gegenwart Christi durch Transsubstantiation nicht teilen; gleichzeitig ist es jedoch eine bekannte Tatsache, daß Katholiken, die in wesentlichen Punkten nicht mit der Lehre ihrer Kirche übereinstimmen, weil sie z.B. ein Recht auf Abtreibung befürworten, ohne Probleme zur Kommunion gehen können, und daß es unzählige “Namenskatholiken” gibt, die einmal im Jahr zur Kommunion gehen, und den Rest des Jahres wie Heiden leben und auch nicht zur Kirche gehen.

Ebenfalls in der römisch-katholischen Kirche gibt es Bewegungen, in denen Maria einen wichtigeren Platz einnimmt, als Jesus; in manchen katholischen Bewegungen und in vielen protestantischen Kirchen nimmt soziale Gerechtigkeit einen wichtigeren Platz ein, als die Beziehung des Menschen zu Gott.

Von den nach wie vor existierenden theologischen Unterschieden, wie Rolle und Autorität des Papstes, Marien- und Heiligenkult (die sich zwar theologisch nett erklären lassen, in der Volksfrömmigkeit jedoch durchaus anders aussehen), unterschiedlichen Gewichtungen in der Soteriologie, trotz gemeinsamer Erklärung zur Rechtfertigung, usw., haben wir da noch gar nicht wirklich geredet.

Wenn Kardinal Kasper also einfordert, die Kirchenspaltung zu überwinden, indem Katholiken katholischer und Evangelische evangelischer werden, und gleichzeitig aufeinander zugehen, und wenn Bischof Gerhard Ulrich von versöhnter Verschiedenheit spricht, dann müssen wir uns zunächst klar darüber werden, was denn authentisch römisch-katholisch und authentisch evangelisch ist, und wieviel Verschiedenheit sich tatsächlich versöhnen läßt.

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